Ich habe es doch in den Kalender eingetragen.

Wir besitzen einen Familienkalender.

Digital.
Synchronisiert.
Farblich sortiert.

Theoretisch können vier Menschen darauf zugreifen.

Praktisch hat er eine Leserin.

Mich.

Der Familienkalender war ursprünglich als Entlastung gedacht.

Alle sehen alles.
Jeder trägt seine Termine ein.
Niemand muss mehr irgendwen erinnern.

Ein wirklich schönes Konzept.

Fast so schön wie Weltfrieden.

Ich trage also ein:

Zahnarzt.
Elternabend.
Tennis.
Geburtstag Oma.
Geburtstag Freund.
Kieferorthopäde.
Schulfest.
Abgabe Referat.
Auto Werkstatt.
Mülltonne raus.

Manche Termine bekommen sogar eine Erinnerung.

Manche zwei.

Bei besonders hoffnungsvollen Momenten schreibe ich noch dazu:

BITTE BEACHTEN.

Dienstag, 17:42 Uhr.

„Wann muss ich morgen zum Zahnarzt?“

Ich schaue ihn an.

Er schaut mich an.

Wir besitzen beide dasselbe Smartphone.

„Steht im Kalender.“

Kurze Pause.

„Welcher Kalender?“

Unser Familienkalender ist weniger ein Organisationsinstrument als eine digitale Ausstellung meiner Bemühungen.

Ich kuratiere dort das Familienleben.

Sehr sorgfältig.

Nur ohne Publikum.

Besonders schön finde ich den Satz:

„Das hast du mir aber nicht gesagt.“

Doch.

Ich habe es sogar schriftlich hinterlegt.

Mit Uhrzeit.

Adresse.

Farbcode.

Und Push-Nachricht.

Mehr Beweislage hat normalerweise nur die Staatsanwaltschaft.

Trotzdem existiert offenbar eine unsichtbare Zusatzvereinbarung:

Ein Termin gilt erst dann als bekannt, wenn ich ihn persönlich am Vorabend ankündige, morgens wiederhole und ungefähr vierzig Minuten vorher noch einmal beiläufig erwähne.

Sonst überraschendes Ereignis.

„Ach, das ist HEUTE?“

Ja.

Seit sechs Wochen.

Der Kalender wusste es.

Ich wusste es.

Google wusste es.

Nur du wurdest offenbar nicht informiert.

Am besten ist allerdings:

„Warum hast du mich nicht erinnert?“

Da sitzt man dann als erwachsene Frau vor einem vollständig synchronisierten Familiensystem und merkt:

Ich bin die Synchronisierung.

Der Kalender ist lediglich mein technischer Assistent.

Ich bin Kalender, Erinnerungsfunktion und Eskalationsstufe in einer Person.

Und natürlich könnte ich einfach aufhören.

Nichts mehr eintragen.

Niemanden mehr erinnern.

Der Sache ihren Lauf lassen.

Ein kleines familiäres Selbstexperiment.

Ich gebe uns ungefähr bis Mittwoch.

Dann steht jemand ohne Sportsachen vor der Turnhalle, ein anderer wundert sich über einen Elternabend und am Freitag fährt wahrscheinlich jemand mit einer sehr überraschten Katze zum Zahnarzt.

Also trage ich weiter ein.

Digital.

Synchronisiert.

Farblich sortiert.

Vier Zugänge.

Eine Leserin.

Und gelegentlich diese kleine, vollkommen naive Hoffnung:

Dass eines Tages jemand sagt:

„Hab ich gesehen. Steht ja im Kalender.“

Ich glaube, dann mache ich einen Screenshot.

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Kleine Schritte bewirken große Veränderungen